Hans Swarowsky 1899–1975

2019 wurde von der mdw der Nachlass Hans Swarowskys angekauft. Neben einer umfangreichen Notenbibliothek beinhaltet dieser auch Schallplatten, Bücher, diverse Schriften, Fotos und Tonbänder. Seit Ende 2022 sind alle knapp 900 Notenbände im online-Katalog der Bibliothek auffindbar. Seit Anfang 2026 sind nun auch die rund 20 Archivboxen an Schriften erfasst und für die Benützung verfügbar. Diese umfassen Zeitungsausschnitte, Programmhefte, selbst verfasste Texte, Taktgruppenanalysen, Korrespondenzen (darunter bisher unveröffentlichte Briefe von Richard Strauss), Übersetzungen und auch diverse biografische Dokumente.

Kindheit und musikalische Ausbildung

Hans Swarowsky wurde am 16.09.1899 in Budapest als uneheliches Kind geboren. Seine Mutter Leopoldine (1881– 1970) war Schauspielerin, sein Vater Josef Kranz (1862–1934) war ein jüdischer Industrieller, der Swarowsky den Eintritt ins Musikleben in Wien ermöglichte. Er wirkte bei der Uraufführung von Mahlers 8. Symphonie als Chorknabe mit und nahm ab 1920 Unterricht bei Schönberg und später bei Webern. Die Spuren der beiden Lehrer sind in einer Partitur zu Pelléas et Mélisande erkennbar: Dort hat Swarowsky noch 1968 Bemerkungen und Taktgruppenanalysen von Schönberg und Webern, die er schon in den 1920er Jahren woanders notiert hatte, nochmals eingetragen (digitales Objekt 11). Nachdem zu Beginn die Finanzierung des Unterrichts aufgrund der großzügigen Unterstützung durch Josef Kranz kein Hindernis darstellte, musste sich Swarowsky nach deren Wegfall Ende 1922 um eigene Einkünfte kümmern und begann, unter Felix Weingartner als Korrepetitor bei der Volksoper in Wien zu arbeiten.

Erste Dirigiertätigkeit

Dirigieren lernte er u. a. bei Clemens Krauss und Richard Strauss. 1925 bekam er seine erste Stelle als Kapellmeister in Wien. Ab 1927 hatte er verschiedene Posten als Dirigent in Deutschland inne. 1936 wurde er mit einem Dirigierverbot belegt. Ab 1938 bekam er einer Stelle als Kapellmeister in Zürich, wo er bis 1940 arbeitete.

1940er Jahre

Danach verhalf ihm Richard Strauss, mit dem er zuvor schon regen Briefkontakt gepflegt hatte, zu einer Anstellung an der „Reichsstelle für Musikbearbeitungen“ in Berlin, wo Swarowsky Übersetzungen von Libretti anfertigte. 1943 unterrichtete Swarowsky bereits unter Clemens Krauss‘ Führung die Grundlagen des Dirigierens bei einem Sommerkurs (Objekt 1). Von Herbst 1944 bis Frühjahr 1945 war er schließlich Chefdirigent der Philharmonie des Generalgouvernements Krakau (digitale Objekte 4 & 5). Es wird überliefert, dass Swarowsky sich bei Gouverneur Frank, dem „Schlächter von Polen“, dafür eingesetzt hat, jüdische Musiker*innen und Sänger*innen im Orchester und Chor behalten zu dürfen. Strauss war 1944 beim Regime schon in Ungnade gefallen, dennoch setzte Swarowsky eine Aufführung von Ariadne auf Naxos zu Strauss‘ 80. Geburtstag aufs Programm (digitales Objekt 6). Bemerkenswert: In einem von ihm selbst verfassten Lebenslauf, frühestens aus den späten 1950er Jahren (digitales Objekt 7), klammert Swarowsky die Anstellung in Krakau aus, obwohl er schon 1942 bei Strauss Interesse an dem Posten dort bekundet hatte (digitales Objekt 3).
In die Zeit um 1940 fällt auch Swarowskys Mitarbeit am Libretto für Capriccio. Im Nachlass befindet sich ein Autograph der Vertonung des Sonetts von Ronsard (digitales Objekt 9), welches Swarowsky für Strauss entdeckt und übersetzt hatte (digitales Objekt 10).

"Diener des Schöpfers"

»Taktgruppenanalyse ist eine der vielen analytischen Praktiken, derer sich die ausübenden Musiker bedienen; Praktiken, die sich meist irgendwo zwischen theoretischem System, praktischer Anwendung und Mittel der Gedächtnisstütze bewegen. Die Taktgruppenanalyse hat dabei ihren wohl wichtigsten Ort in der analytischen Praxis der Dirigenten: Sie ist nicht nur eine Hilfe beim Gliedern und Lernen großer Partitur-Abschnitte; sie ersetzt durch ihre Darstellung metrischer Abläufe (denen sich ein Dirigent ja körperlich widmet) den Kapellmeistern auch gewissermaßen das ‚Fingergedächtnis‘ der Instrumentalisten.«

Nachkriegszeit

Nach dem Ende des Krieges wurde Swarowsky im Dezember 1945 mit einem Dirigierverbot belegt und kehrte 1946, nachdem er sich einer intensiven Befragung durch die Alliierten unterzogen hatte und von deren „schwarzer“ auf die „weiße Liste“ verschoben wurde, nach Wien zurück. Dort dirigierte er in der Saison 1946/47 die Wiener Symphoniker; in weiterer Folge hatte er zwei Jahre lang die musikalische Leitung der Grazer Oper inne.

Beginn der Lehrtätigkeit und weitere berufliche Stationen

1946 begann er an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst Wien zu unterrichten und war ab dem Sommersemester 1947 der alleinige Leiter der Kapellmeisterklasse, die er auch nach seiner Emeritierung 1970 noch bis zu seinem Tod mitbetreute. Weitere Engagements waren 1957-1959 die Leitung des Scottish National Orchestra und ab 1959 regelmäßige Dirigiertätigkeit an der Wiener Staatsoper. Er wirkte in den 1950er Jahren bei Radiosendungen mit, ebenso sind ab diesem Zeitraum Schallplattenaufnahmen unter seiner Leitung erhalten. Von den 1960er Jahren an sind auch Aufzeichnungen seiner Dirigate fürs Fernsehen dokumentiert. Swarowsky dirigierte immer wieder auch im Ausland, so zum Beispiel in Nord- und Südamerika, Kanada, Japan und Israel, sowie in mehreren europäischen Ländern.

„Diener des Schöpfers“

Swarowsky sah sich selbst nicht unbedingt als Interpret, sondern als „Diener des Schöpfers“. Werktreue im Sinne einer möglichst korrekten historischen Aufführungspraxis ohne selbstdarstellerisches Spektakel hatte für ihn oberste Priorität. Swarowsky war bekannt für seine Aufführungen von Werken aus der Wiener Klassik; gleichzeitig hat er auch einen großen Beitrag zur Mahler-Renaissance in Wien geleistet. Eine für seine Dirigententätigkeit zentrale Praxis, die er auch seinen Schüler*innen weitergegeben hat, ist die Taktgruppenanalyse, die er selbst bei Schönberg und Webern erlernt hatte.

Swarowskys Notenbände sind häufig mit zahlreichen Einzeichnungen versehen; zu einigen findet man unter den Schriften auch entsprechende Taktgruppenanalysen. Exemplarisch zeigen wir Beethovens 3. (digitale Objekte 13, 14, 15), 6. (digitale Objekte 16, 17, 18, 19) und 9. Symphonie (digitale Obekte 21, 22, 23), vertreten durch jeweils eine Studienpartitur mit zahlreichen Einzeichnungen, eine handschriftliche Taktgruppenanalyse und wenn verfügbar, eine von Swarowsky dirigierte Schallplattenaufnahme. Besonders bei Beethoven hat sich Swarowsky sehr um möglichst „originalgetreue“ Tempi bemüht, was auch durch die erste Seite eines von ihm verfassten Textes (digitales Objekt 20), sowie durch zusätzliche Notizen neben der Taktgruppenanalyse zur 9. Symphonie veranschaulicht wird.

Bei den ersten Salzburger Festspielen nach dem Zweiten Weltkrieg hat Swarowsky 1946 Strauss‘ Rosenkavalier dirigiert (digitale Objekt 24, 25). Die Aufnahme entstand aber erst 1960 (digitales Objekt 26).
In die Studienpartitur zur 3. Symphonie von Gustav Mahler (digitales Objekt 27) hat Swarowsky eine Taktgruppenanalyse eingeklebt. Die im Nachlass enthaltenen Mahler-Partituren weisen allgemein viele Einzeichnungen auf, die Swarowsky als von Mahler selbst abgeschrieben bezeichnet, so auch die Partitur der Symphonie Nr. 4 (Objekt 28). Womöglich wurde ihm Einsicht in Notenmaterial gewährt, das Mahler noch selbst annotiert hatte.
Die Aufnahme der 4. Symphonie stammt aus dem Jahr 1973 (digitales Objekt 29).

Swarowsky als Lehrer

1946 begann mit der Bestellung Hans Swarowskys zum Leiter der Kapellmeisterschule dessen langjährige Tätigkeit als Pädagoge an der mdw. Bis auf eine kurze Unterbrechung für ein Studienjahr wirkte er hier fast 30 Jahre lang und prägte in dieser Zeit die oft als „Swarowsky-Schule“ bezeichnete Dirigierausbildung.

Swarowsky war ab 1946 zunächst als Vertragslehrer mit der Leitung der Kapellmeisterschule und der Orchesterübungen betraut. 1956 erfolgte seine Ernennung zum ao. Professor, 1961 die Berufung zum o. Professor. Nach seiner Emeritierung 1970 blieb er bis zu seinem Tod 1975 als Lehrbeauftragter am Haus tätig.
An der 1910 eingerichteten Kapellmeisterschule hatte es in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens zahlreiche Wechsel in der Leitung gegeben. Durch die lange Dauer seiner Tätigkeit war es Swarowsky möglich, schulebildend zu wirken.

„Die Leitparole dieser Schule hieß, aufs kürzeste [sic] zusammengefaßt [sic]: Der Interpret, also auch der Dirigent, hat in erster Linie Diener am Werk und nichts als das zu sein, ein wissender und gewissenhaft Einfühlsamer – und erst in zweiter Linie z.B. Diener an der eigenen Karriere.“[1]

Als „Pädagoge mit Leib und Seele“[2] zielte seine von Schönbergs didaktischem Konzept inspirierte Unterrichtsmethode darauf ab, Studierende zum Forschen anzuregen und auf einen Erkenntnisweg zu führen. Die Basis seiner theoretischen Vorträge bildete das Studium einer Partitur. Davon ausgehend besprach er formanalytische ebenso wie allgemeine musikalische Fragen und ging auf musik- bzw. kulturhistorische Kontexte ein (digitales Objekt 46). Einen Einblick, wie lebendig der Unterricht gestaltet war, gibt Zubin Mehta, der meinte: „Wir haben uns gefühlt, als ob wir neben dem Komponisten saßen, wie er das komponiert.“[3] Doch auch Sarkasmus im Umgang mit den Studierenden und Wutausbrüche waren Teil seines Unterrichts.[4]

Ausseer Festwochen der Musikstudierenden Österreichs

Die 1947 von der mdw ins Leben gerufenen Festwochen (digitales Objekt 30) machten sich nach den Kriegserfahrungen zum Ziel, „den Ruhm unseres Heimatlandes auf dem Gebiete der Musik neu zu begründen“ und versammelten den musikalische Nachwuchs des Landes in der Kurstadt.[5] Swarowsky hatte gemeinsam mit Gottfried Feist die künstlerische Leitung inne, mit einem attraktiven Konzertangebot sollte auch die lokale Bevölkerung angesprochen werden.[6] Der Dirigent, der bis 1954 die Festwochen leitete, fühlte sich mit dem Akademieorchester sichtlich verbunden, er sah seinen „Willen“ umgesetzt und schwärmte nach dem ersten Konzert: „Das sind die höheren Geheimnisse der Musik.“[7]

Stilkommission

Weniger den Geheimnissen, mehr der „Kontrolle der Stilreinheit“ in der Musik war die 1953 von Swarowsky initiierte Stilkommission an der mdw gewidmet.[8] Ein Gremium, das Fragen zur authentischen Aufführungspraxis klären und für die Ausbildung empfehlen sollte, hatte keinen leichten Stand. So stand Swarowskys unerreichbarer Anspruch nach der „Allgemeingültigkeit gewisser Erkenntnisse“[9] gegenüber der Einschätzung seines Kollegen Dichler, der die Sinnhaftigkeit in Zweifel zog und die Frage aufwarf: „Sollen wir so unterrichten, wie es ‚richtig‘ ist oder so, daß [sic] man Erfolg hat.“[10] Swarowsky schied 1961 aus der Kommission aus.[11]

Eine Auswahl an Fotos zeigt Swarowsky beim Unterrichten und mit seinen Studierenden (digitale Objekte 31, 32, 33, 34, 35, 36 und 39, 40, 41), darunter Zubin Mehta und Claudio Abbado. Swarowsky war in der Kulturszene gut vernetzt – ein Beispiel hierfür ist ein Brief von Bertolt Brecht, der auf der Suche nach einem neuen Dirigenten für sein Theater war und Swarowsky bat, er möge ihm einen seiner Schüler empfehlen (digitales Objekt 37).

Von Swarowskys 511 Studierenden waren insgesamt 21 weiblich, nur 5 von diesen haben die Abschlussprüfung abgelegt[12]. Zwei Zeitungsausschnitte (digitale Objekte 42, 43) sind die einzigen im Nachlass auffindbaren Erwähnungen von Dirigentinnen. Im anonymen Kommentar (Objekt 43) wird Swarowsky zitiert: „Eine Frau, die sich 100 sehr potenten Männern gegenübersieht und diese auch noch befehligen soll, macht sich einfach nicht gut. Die Frau ist und bleibt ein Lustobjekt […]. Auf dem Stockerl stehend […] verliert sie jeden Reiz…“

Die digitalen Objekte 44 und 45 stammen beide aus der Zeit nach Swarowskys Emeritierung, wo er nur mehr im Ausmaß von 10 Wochenstunden seiner Lehrtätigkeit nachging. Ab 1973 hatte Karl Österreicher die alleinige Leitung der Kapellmeisterklasse inne. Aber sogar 1974 wird noch impliziert, dass es sich primär um Swarowskys Klasse handeln würde – die Studierenden hätten das wohl auch bevorzugt.[13] Mit Ende des Sommersemesters 1975 hat sich Swarowsky von seinen „lieben letzten zwanzig Hörern“ verabschiedet (digitales Objekt 47) und starb noch im selben Jahr am 10. September.

 
 

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Quellen

Diergarten, Felix: „Zur Taktgruppenanalyse“, in: Musiktheorie 20. Jahrgang, 2005, Heft 4, S. 317

Hitzler, Erika / Hochstöger, Karoline: „Swarowsky, Hans (Johann) Josef Leopold“, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 18.12.2023, abgerufen am 12.3.2026), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001e40b

Huss, Manfred (Hrsg.): Wahrung der Gestalt. Schriften über Werk und Wiedergabe, Stil und Interpretation in der Musik / Hans Swarowsky, Wien: Universal Edition 1979.

Elste, Martin: „Swarowsky, Hans“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, New York, Kassel, Stuttgart 2016ff., veröffentlicht November 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/594317

Grassl, Markus / Kapp, Reinhard (Hrsg.): Der Dirigent Hans Swarowsky (1899–1975). Musik, Kultur und Politik im 20. Jahrhundert, Wien / Köln: Böhlau 2022.

Anmerkungen

[1] mdw-Archiv, PA Hans Swarowsky, Rektor Georg Pirckmayer: „In memoriam Hans Swarowsky“.

[2] mdw-Archiv, Sammelmappe Orchesterübungen, Schreiben Swarowskys an Hans Sittner, vom 15.03.1957.

[3] Horvath, Erika: „Lehre – Akademie für Musik und darstellende Kunst Wien“, in: Grassl / Kapp (Hrsg.): Der Dirigent Hans Swarowsky (1899–1975), S. 604-605.

[4] Horvath, S. 615-616.

[5] Prospekt der Festwochen der Musikstudierenden Österreichs, 1947, zit. nach Horvath, S. 575. 

[6] Horvath, S. 576.

[7] Horvath, S. 580f.

[8] Hans Swarowsky, Wahrung der Gestalt. Zur Bildung einer Stilkommission in der Akademie für Musik, ÖMZ 10 (1953), S. 290–295, hier 293.

[9] Swarowsky, Wahrung, S. 293.

[10] mdw-Archiv, Arbeitsgemeinschaft für musikalische Werkpraxis ‚Stilkommission‘, 2153/1953.

[11] Bis hierher wurde der Text vom Archiv der mdw bzw. Erwin Strouhal verfasst. Wir bedanken uns herzlich!

[12] Wir danken auch hier dem Archiv der mdw für die Recherchen und die Bereitstellung der Informationen.

[13] Horvath, S. 549.